Lebensdauer.
Wer ein langes Leben schafft, erweist sich als sehr dauerhaft.
Mancher Mensch sieht es genauer und spricht von langer Lebensdauer,
wird neunzig Jahre oder mehr und weiß dabei hinterher,
was lange Lebensdauer heißt, wenn er sich mit der Gattin beist,
fünfzig, sechzig Jahre lang, unter lebenslangem Zwang.
Der Urmensch wurde nicht so alt, war mit vierzig Jahren kalt
oder aber, als er fror, am Ende, oder kurz davor.
Er hat sich auch nicht lang gebissen, denn seine Zähne sind verschlissen,
weil er an viel Knochen nagte und weil er über Zahnschmerz klagte.
Auch wenn der letzte Zahn zerbricht, die dritten Zähne gab es nicht.
So ist das mit der Lebensdauer. Später wird der Urmensch schlauer
und er schont sich sein Gebiss, weil er nicht mehr auf Knochen biss.
Ob mit ob ohne lange Mähne, putzt sich heut der Mensch die Zähne
und das künstliche Gebiss ist heute auch kein Hindernis.
In der Regel hält ein Haus länger als der Mensch dort aus,
den das Haus, nach dem er strebt, mit großem Abstand überlebt.
Der Urmensch existiert nicht mehr. Er tat sich in der Höhle schwer,
die noch heute von ihm zeugt, als er im Alter tief gebeugt,
die Höhlenmalerei betrieb und Bilder an die Wände schrieb.
Nur die Bilder von dem Alten blieben lange Zeit erhalten.
Dem Urmensch war beim Sterben bange. Manche Dinge halten lange,
sehr viel länger als das Leben, im natürlichen Bestreben.
Doch ist das keine Lebensdauer. Es liegt der Jäger auf der Lauer,
jagt und sammelt irgendwann, bis er nicht mehr leben kann.
Was er sammelte im Leben, das lässt sich später weitergeben,
weil es dauerhaft besteht, nachdem der Mensch im Tod vergeht.
Doch tote Dinge bleiben schlicht. Von Lebensdauer spricht man nicht,
in Bezug auf Gegenstände, im Gebrauch der Menschenhände,
weil was nicht lebt, nicht irgendwann, jemals wirklich sterben kann.
Der Urmensch hat nicht weit gedacht, wenn er sich seine Götzen macht.
Auch denkt der Mensch in dieser Zeit immer noch nicht allzu weit,
wenn er gebildet im Bericht von der Lebensdauer spricht,
wenn er mittels dem Beweis, in seinem Fachkollegenkreis,
nicht vielmehr als der Urmensch ahnt, der in den alten Knochen mahnt.
H. Feisel